Herzl wusste was er tat!

Es ist viel geworden über Israel in diesem Blog und ich hatte mir vorgenommen, mich wieder mehr Russland, Trump und dem Ukrainekrieg zuzuwenden. Da gab es aber noch keinen Irankrieg. Und Netanjahu wetteiferte noch nicht mit Putin, Trump an seine Seite zu ziehen und ihn zu manipulieren. Und seit dem Irankrieg ist man, mehr noch als nach Gaza, gezwungen sich mit den Argumenten und der Geschichte der Juden und Israels zu beschäftigen, wenn man der offensiven Verteidigung dieser Kriege entgegentritt. Das hat zu der Erkenntnis geführt, dass es wohl einige Dinge richtigzustellen gibt, an dem, womit wir in Deutschland und Österreich großgeworden sind, in dem zionistisch geprägten Bild einer durchaus notwendigen Vergangenheitsaufarbeitung nationaler Schuld oder der Schuld von Vätern und Großvätern. Nicht mit dem umfangreichen Wissen eines studierten Historikers, aber mit dem Blick auf sehr augenfällige Widersprüche.

Auch wenn es Einiges zu korrigieren gäbe am historischen Anspruch auf das angeblich von Gott versprochene Land – Kanaan wurde recht blutig erobert von den aus Ägypten fliehenden Israeliten, wie die Befehle von Moses an seine Hauptleute vermuten lassen (4. Mose 31) – sollte man wohl am besten bei der Entstehung des Zionismus anfangen. Ca. 60 Prozent der britischen und US-Juden definieren sich als Zionisten und ca. 90 Prozent der israelischen Juden. Letzteres spiegelt sich deutlich in den Positionen zum Irankrieg und zur Deportation der Palästinenser aus Gaza wieder. Gemessen an den politischen Positionen von Zentralrat und anderen Organisationen, dürften Deutschland und Österreich nahe bei der Zahl in Israel liegen.

Fragt man, ob Israel kolonialistisch, rassistisch oder ein Apartheidsstaat ist, was nicht zuletzt ein Schlüssel für das Verständnis der heutigen Politik Israels ist, schallt einem ein vielstimmiges empörtes NEIN entgegen. Aus jüdischen Organisationen, von individuellen Juden, aus Kirchen und Politik. Man wird umgehend zum Antisemiten erklärt und zur Jagd auf Antisemiten freigegeben. Deshalb ein historischer Rückblick: 1896 erschien Theodor Herzls Buch „Der Judenstaat“. Herzl schrieb:

Zwei Gebiete kommen in Betracht: Palästina und Argentinien. Bemerkenswerte Kolonisierungsversuche haben auf diesen beiden Punkten stattgefunden. Allerdings nach dem falschen Prinzip der allmählichen Infiltration von Juden. Die Infiltration muß immer schlecht enden. Denn es kommt regelmäßig der Augenblick, wo die Regierung auf Drängen der sich bedroht fühlenden Bevölkerung den weiteren Zufluß von Juden absperrt. Die Auswanderung hat folglich nur dann einen Sinn, wenn ihre Grundlage unsere gesicherte Souveränität ist.“

„Infiltration“ ist definiert als illegale Einwanderung. Herzl wusste also genau, als illegale Einwanderer sind Juden nicht willkommen, egal wo. Deshalb setzte er auf europäische Mächte, die mit Kolonialisierung Erfahrung hatten und wegen ihres Antisemitismus die Migration dahingehend unterstützen würden, dass sie den Juden in einem anderen Land ihre staatliche Souveränität verschaffen würden. (auch Hitler tat das)

„Das Entstehen einer neuen Souveränität ist nichts Lächerliches oder Unmögliches. Wir haben es doch in unseren Tagen miterlebt, bei Völkern, die nicht wie wir Mittelstandsvölker, sondern ärmere, ungebildete und darum schwächere Völker sind. Uns die Souveränität zu verschaffen, sind die Regierungen der vom Antisemitismus heimgesuchten Länder lebhaft interessiert.“

Für die praktische Durchführung:

„Es werden für die im Prinzip einfache, in der Durchführung komplizierte Aufgabe zwei große Organe geschaffen: die Society of Jews und die Jewish Company. Was die Society of Jews wissenschaftlich und politisch vorbereitet hat, führt die Jewish Company praktisch aus. Die Jewish Company besorgt die Liquidierung aller Vermögensinteressen der abziehenden Juden und organisiert im neuen Lande den wirtschaftlichen Verkehr.“

Was passte besser, als dafür Großbritannien zu wählen. Die geplante Jewish Company unterlag britischem Recht, als sie nach dem Beschluss des ersten Zionistischen Kongresses in Basel 1897 in London als „Jewish Colonial Trust“ gegründet wurde. Großbritannien war die größte Kolonialmacht und der Völkerbund, also der Vorläufer der UN, machte Palästina nach dem Ersten Weltkrieg zum britischen Mandatsgebiet. Mit anderen Worten, Großbritannien bekam die Vormundschaft für die Bewohner Palästinas. So gelang es den Zionisten mir geschickter Diplomatie den Briten 1917 die Balfour-Erklärung abzuringen, die Unterstützung für eine „nationale Heimstätte“ des jüdischen Volkes in Palästina. Die Souveränitätsdeckung, die Herzl sich erhofft hatte, um den Widerstand des infiltrierten Landes zu brechen!

Palästina war seit der nicht ganz unverschuldeten Vertreibung der Juden unter den Römern vor rund 1800 bis 1900 Jahren eine arabische Heimstadt. Um 1850 lebten ca. 3 Prozent Juden zusammen mit einigen Christen unter einem restlichen arabischen Bevölkerungsanteil. Um 1910 waren es ca. 10 Prozent, bis 1940 wuchs der Anteil auf ca. 30 Prozent. 1950 waren es ca. 55 Prozent.

Die „Infiltration“ Palästinas war also ein koloniales Projekt (so wurde es auch von Herzl selbst bezeichnet), durchgeführt mit der abgerungenen Unterstützung Großbritanniens. „Kolonial“ heißt, dass die vorhandenen Bewohner des Landes ihrer Souveränität beraubt werden, ihr Widerstand gebrochen wird, sie Bürger zweiter Klasse sind und ihnen eine fremde Kultur aufgezwungen wird. Das ist zwangsläufig rassistisch.

Und mit diesen Umständen, die zur Gründung des Staates Israel führten, sollten zwei Dinge klar sein. Erstens, dieser Staat war von Anfang an auf Expansion angelegt. Zweitens, Widerstand der vertriebenen oder diskriminierten Bevölkerung war in dem Maße vorprogramiert, in dem die Mächte, die die Souveränität sichern, in den Hintergrund treten. Erst recht, in dem Maße, in dem die Expansion vorangetrieben würde. Beides wurde dem Staat Israel sozusagen mit in die Wiege gelegt.

Bis zum UN-Teilungsplan 1947, der die Juden massiv bevorteilt hätte und von den arabischen Staaten abgelehnt wurde, kam es schon seit 1920 zu wachsenden Unruhen, Aufständen und kriegerischem Widerstand gegen die Zunahme jüdischer Siedlungen.

Verschärfend wirkte sich – und hier zitiere ich Wikipedia – auf die antieuropäische und antizionistische Stimmung im Land außerdem aus, dass die Zionisten nicht verheimlichten, dass das zionistische Programm letztlich darauf abzielte, möglichst alle arabischen Palästinenser zu enteignen und außer Landes zu bringen, wie von der King-Crane-Kommission von 1919, von der Haycraft-Kommission von 1921 und von der Shaw-Kommission von 1929 übereinstimmend festgestellt wurde und wie zionistische Führer es ab den 1930ern auch unumwunden in Verhandlungen mit arabischen Führern verkündeten. Bis heute ergeht der Ruf an alle Juden in der Diaspora die Alija zu machen, das heißt nach Israel einzuwandern.

Zur Umsetzung des Teilungsplans kam es nie. Nach der Annahme einer UN-Resulution darüber, steigerten sich die jüdisch-arabischen Auseinandersetzungen zum Palästinakrieg, den Israelis Unabhängigkeitskrieg und die Palästinenser Nakba (die Katastrophe) nennen. Nach der israelischen Unabhängigkeitserklärung griffen Ägypten, Syrien, Jordanien und der Irak Israel an. Die israelische Staatsgründung am 14. Mai 1948 wurde legitimiert mit der Verfolgung, speziell dem Holocaust, mit der Balfour-Erklärung, mit der UN-Resolution zur Teilung und mit dem „Recht des jüdischen Volkes auf nationale Erneuerung in SEINEM Land.“

Die Folge des Sieges Israels war, dass Israel sein Gebiet um 30 Prozent gegenüber dem Teilungsplan vergrößert hatte. Für die Palästinenser bedeutete die Nakba die Enteignung, Vertreibung oder Flucht von ca. 700.000 Menschen und die Zerstörung ihrer Ortschaften. Während der ethnischen Säuberungen durch israelische Truppen und jüdische Milizen kam es auch zu Massakern wie dem in Deir Yassin, bei dem 100 bis 250 Zivilisten ermordet wurden.

Nach der Suezkrieg-Beteiligung Israels gegen Ägypten 1956 war die nächste militärische Auseinandersetzung der Sechstagekrieg im Juni 1967. Israel griff präventiv Ägypten an um einem erneuten Angriff mehrerer arabischer Staaten zuvorzukommen. Israel griff auch Jordanien an und Syrien, das über Jahre den Kampf palästinensischer Fedajin von seinem Territorium gegen Israel geduldet hatte, wurde schließlich auch Teil des Konflikts. Ergebnis des Krieges: Israel konnte große Gebiete unter seine Kontrolle bringen: Die Sinai-Halbinsel, den Gazastreifen und das Westjordanland mit der historischen Altstadt von Jerusalem sowie die Golanhöhen. Diesmal wuchs das von Israel kontrollierte Territorium nicht um 30 Prozent, sondern es verdreifachte sich!

Auch im Jom-Kippur-Krieg, der mit einem Waffenstillstand endete, machte Israel Gebietsgewinne. Und bis heute treibt Israel den illegalen Siedlungsbau in Ostjerusalem, der Westbank und den Golanhöhen voran. Mit staatlichen Geldern und mit Unterstützung der Siedler durch die IDF. Teilweise werden die Gebiete israelischem Recht unterstellt. So findet schleichend eine völkerrechtswidrige de-facto-Annexion der besetzten Gebiete statt.

Allein im Westjordanland wurden seit dem 7. Oktober 2023 6.000 Häuser oder Wohnungen zerstört, 1.071 Palästinenser getötet und über 200 Siedlerstützpunkte errichtet. Die Häuser und Autos wurden niedergebrannt, ihre über Jahrhunderte gewachsenen Olivenplantagen zerstört. Die dortigen IDF-Soldaten, die das angeblich verhindern sollen, werden aus ortsansässigen Siedlerkreisen rekrutiert und beteiligen sich eher an den Verbrechen, als dass sie sie verhindern. Auch hier werden ausländische Helfer und Journalisten gejagt. Die Regierung, die sich gegenüber internationalen Medien voller Sorge über diese Entwicklung äußert, finanziert diese mordenden Siedler, sie erkennt ihre Siedlungen an und gibt immer wieder offiziell neue Gebiete zur Besiedelung frei.

2026 – klein und unauffällig, aber im Gegensatz zum Gazastreifen gibt es kein palästinensisches Westjordanland mehr!

In Gaza tobt sich die Rache Israels für den Terrorüberfall im Oktober 2023 mit einem grenzenlosen Gegenterror aus. Man sagte Palästinensern, sie sollten wegen Militäroperationen gegen die Hamas in bestimmte Teile von Gaza flüchten. Andere, aber auch diese schoss man mit Raketen völlig zusammen. Was noch stehen blieb, jagten IDF-Sprengkommandos in die Luft, die Trümmer wurden mit den Leichen darunter von israelischen Bulldozern eingeebnet. Auch die Friedhöfe wurden eingeebnet, damit niemand die Toten zählen kann. Den in Trümmern und Zelten noch überlebenden Palästinensern ließ man keinerlei Lebensgrundlagen zukommen. Kein Heizmaterial, kein Sprit für Generatoren, kein Wasser, keine Nahrung und keinerlei medizinische Hilfe. Ärzten verweigerte man den Zugang, Hilfsorganisationen erklärte man zu Terroristen. Man beschoss Hilfskonvois, ermordete Sanitätspersonal, Lastwagen mit Hilfsgütern wurden von israelischen Siedlern geplündert, wenn etwas durchdrang, schoß die IDF auf die, die hungernd nach etwas Essbarem anstanden. Bevorzugt auf Jungen. Einen Tage auf ihre Köpfe, einen anderen Tag auf ihre Genitalien und den dritten Tag auf ihre Herzgegend. Journalisten, die über all das berichteten, wurden zu hunderten gezielt ermordet. Ihre dokumentierte Existenz wurde für die internationalen Medien gefälscht um sie alle zu Hamasmitgliedern, sprich Terroristen zu machen. Internationale Journalisten wurden nicht reingelassen, oder auch gejagt. Die seriösen Schätzungen der palästinensischen Opfer liegen bei 115.000. Andere weit höher. Das ist zweifelsfrei, wie sogar von zahlreichen israelischen Historikern und Völkerrechtlern unterschrieben, ein Völkermord.

Ähnliches wiederholt sich jetzt südlich des Litaniflusses im Libanon. Völlige Einebnung, Schussfreigabe auf alles was sich bewegt. Und „Entsorgung“ von Journalisten, die über Kriegsverbrechen berichten könnten. Hier findet der Genozid nicht seine Fortsetzung, sondern seine Ergänzung zu Gaza und West Bank. Denn der in Gaza ist nicht beendet. Das Gebiet südlich des Litaniflusses gehört zu Galiläa. Und damit auch zu dem Gebiet, dass die Zionisten mit Blick auf einen Anspruch aus 3000 Jahre Geschichte, die Verheißung der Tora und auf ein Erez Israel, ein Großisrael beanspruchen.

Wie immer schreiben allerdings die Sieger die Geschichte. Und so ist die fortschreitende blutige Kolonialisierung Palästinas und die Vertreibung und Ermordung der Palästinenser eine Geschichte der Befreiung der Juden von Unterdrückung in den Herkunftsländern. So wie die Geschichte der USA und Mittelamerikas nicht eine Geschichte der fast völligen Ausrottung der indigenen Bevölkerung ist, sondern die einer Flucht unterdrückter Weißer aus Europa und des Aufbaus einer glorreichen und überlegenen Demokratie. (zumindest bis vor Kurzem!)

Sir Peter Ustinov: „Terrorismus ist der Krieg der Armen und Krieg ist der Terrorismus der Reichen.“

Ist Terrorismus durch irgendetwas zu rechtfertigen? Nein, durch absolut nichts! Sind Kriegsverbrechen und Völkermord durch irgendetwas zu rechtfertigen? Nein, durch absolut nichts! Es gibt niemand in diesem Konflikt, der in der Wahl der Mittel auf einem moralisch höheren Level steht. Was den Anspruch auf das Land betrifft, denke ich schon.

Nachwort: Getrieben vom Wunsch die Last der unerträglichen Dimension der Schuld unserer Väter und Großväter von unseren Schultern zu wälzen, haben wir uns eilfertig die zionistische Sicht der Geschichte zu eigen gemacht. In jüdischen Augen sind wir auch Zionisten. Und wir weigern uns die Geschichte mit anderen Augen zu sehen. Wir könnten uns ja sonst an der Seite von Neonazis wiederfinden, die von Schuldkult reden, weil sie die Ursachen für die Flucht der Juden nicht anerkennen wollen. Eben die Schuld ihrer Väter und Großväter. Unter dem Strich kann man mörderische illegale Landnahme aber nicht mit der eigenen Vertreibung rechtfertigen. Ein Verbrechen kann kein anderes Verbrechen legitimieren. Und Israel hatte und hat genug Möglichkeiten auf eine konsiliante Lösung hinzuarbeiten. Rabin, der diesen Weg einschlug, wurde ermordet. Israel will es nicht. Ganz im Gegenteil, je größer der internationale Widerstand wird, desto aggressiver wird die skrupellose Selbstbehauptung. Auch gegenüber der UN, die Israel die einzige Existenzberechtigung überhaupt schuf.

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